x-Wohnungen

x-Wohnungen Gropiusstadt – Sound-Design
Theaterinstallation von Gesine Danckwart, Hebbel am Ufer, Berlin

„Parallelgesellschaften“, „Jugendgangs“, „Rütli-Schule“, „No-Go Areas“, „Endstation“: Kaum ein Bezirk in Berlin war in den vergangenen zehn Jahren so sehr Gegenstand von Schlagwortpr oduktion und Angstprojektionen mit bundespolitischer Strahlkraft wie Neukölln. Da ss Trendexperten dieses komplexe, alles andere als homogene, Geflecht von städtischen Wohngebieten im Stil der Gründerzeit, suburbanen Siedlungen mit dörflichem, zuweilen sogar ländlichem Charakter und Satellitenstädten aus den Planungsbüros der Bauhaus-Schule mit der gleichen Entschiedenheit nun zum „aufregendsten Bezirk der Hauptstadt“ erklären und Stadtsoziologen erste Anzeichen eines Phänomens namens „Gentrifizierung“ ausgemacht haben wollen, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Und Grund genug für „X Wohnungen“, nach den letztmaligen Exkursionen in die Stadtteile Märkisches Viertel und Schöneberg („Suburbs“, 2005), die selbst vielen Berlinern nur in Form von Vorurteilen bekannte Region zwischen Maybachufer und Rudow, die zwischen vier Wände eingepassten Lebensentwürfe ihrer Bewohner mit den Mitteln des Theaters zu erkunden.

Drei Routen führen 1.) durch den Reuterkiez im Norden, 2.) rund um den Körnerpark im Süden – unweit des alten Zentrums von Neukölln – und 3.) in die weitab an der Peripherie gelegene Gropiusstadt. Auf diesen Touren haben die Besucher die Gelegenheit, Persönlichkeiten wie jene lebenslustige Dame mit Wohnsitz an der Einflugschneise zum Airport Tempelhof kennen zu lernen. Die von sich sagt: „Das Leben ist hart, ich kenne den Asphalt da draußen, aber der Asphalt kennt auch mich“, ebenso lyrisch wie explosiv Ereignisse aus ihrem Leben erzählt und nun, nachdem die Söhne aus dem Hause sind, genügend Zeit und Muße hat, aus ihrer Wohnung einen Kunstsalon zu machen.

Ein hübscher Rocker in den besten Jahren, im Hauptberuf Malermeister, ist seit 40 Jahren auf einer „Neverending Tour“ durch die Berliner Clubs und präsentiert das Gesamtwerk von Jimi Hendrix in deutscher Sprache. Mit seiner Band „Elektrische Männerwelt“ stellt er unter Beweis, wie überzeugend und tiefsinnig Textzeilen wie „Hey Joe, was machst du da mit der Waffe in der Hand“ sein können. Oder da wäre die rüstige Rentnerin, die in den Sechzigern wegen einer Herzensangelegenheit vom Ruhrgebiet nach Neukölln gezogen ist – und als eines von sieben Mitgliedern der „Gropiuszicken“ auf Feiern im Betrieb, an Geburtstagen oder im Gemeindehaus handverlesene Schlager zu Gehör bringt.

 

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